"Urbindung" Prolog + 1. Kapitel

January 3, 2019

Unser erstes Jahr mit unserem Zwerg war echt heftig. Seit nun 5 Monaten geht es stetig bergauf und wir atmen immer mehr auf.

Vor einiger Zeit dann, beschloss ich unseren Weg mit euch teilen zu wollen- in einem Buch. 

Es soll darum gehen, wie man die Urbindung zu seinem Kind wachsen lässt und die heftige Phase bei sehr sensiblen Babys liebevoll meistert.

 

Doch nun ist der Alltag so schön  und doch auch voll geworden, dass ich nun nicht weiß, wann und ob ich weiterschreiben werde.

Deshalb habe ich beschlossen, das erste Kapitel mit euch zu teilen.

 

 

Und loooos gehts:

 

 

 

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PROLOG

 

Es ist dunkel. Sehr dunkel hier in Mamas Bauch.

Um mich herum Wärme, Enge, ein Herzschlag. Bumm Bumm, Bumm bumm.

Gleichmäßig und tief.

Es ist schön hier. Ich höre Papas Stimme und auch die meiner Geschwister und meiner Oma.

Vertrautheit.

 

 

 

Mama hat Angst…

Ich weiß nicht warum, aber es fühlt sich furchtbar an.
Ich bekomme Angst, schreckliche Angst.

Keiner kann mir helfen.

Ich weiß nicht was los ist.

Ich trete um mich.

Immer wieder.

Sagt mir, was hier vor sich geht.

Warum hat Mama immer wieder Angst und ist traurig.

Ich bin auch traurig.

Mamas Gefühle machen mich traurig.

Ich finde keinen Halt.

Keine Ruhe.

 

Bitte mach alles wieder ruhig!

 

 

 

 

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1. KAPITEL

 

Unser steiniger Weg zum Glück

 

Eigentlich war es schon von Anfang an nicht so leicht um uns bestellt.

Mein Mann und ich hatten einen nicht so ganz einfachen Start.

Wir begegneten uns, beide Erzieher an einer Schule, als ich meinen Arbeitgeber wechselte. Schon von Anfang an wussten wir insgeheim, dass der andere ein ganz besonderer Mensch ist.

Immer wieder sahen wir uns, wechselten kaum Worte, doch wünschten wir uns schon dort einander zu lieben.

Wir beide waren in einer Beziehung und mein Mann hatte sogar bereits eine wundervolle Familie gegründet und auch schon einen erwachsenen Sohn.

Irgendwann dann sprachen wir miteinander. Mal hier mal dort.

Eines Feierabends wagten wir den gemeinsamen Weg Richtung Zuhause.

Und ein weiteres Mal.

Wir erlebten eine wahnsinnige Begegnung mit einer alten Dame und stellten fest, dass die gleiche Sensibilität in uns steckte.

Wir wollten einen Weg gehen und konnten doch nicht andere Herzen brechen, gar eine Familie kaputt machen.

Wir sträubten uns und wurden doch immer wieder wie Magneten zusammengezogen, bis wir uns dann füreinander entschieden.

Wir wollten den weiteren Weg von nun an gemeinsam gehen. Es war eine heftige Zeit, denn das Zerreißen von Papa, Mama und Kindern ist das Schlimmste,  was man sich vorstellen kann.

Für unser Umfeld war es ganz und gar nicht leicht zu verstehen und so versuchten wir uns irgendwie zurückzuhalten, doch unsere Liebe konnten wir einfach nicht verstecken.

 

Und so entstand eines Tages unser kleines Licht Lior.

 
Um vergangene Partner nicht zu verletzen, versuchten wir dieses Glück und unser Vorhaben zu heiraten für uns zu behalten. Ich wollte es nicht, aber anderen Leid zufügen wollte ich auch nicht. So kam es, dass ich mich furchtbar schlecht fühlte. Ich wollte doch so gerne strahlen und in die Lüfte springen, hielt mich aber aus Achtung zurück.

Ein Fehler für die Beziehung zu meinem Baby- so im Nachhinein.

Unser kleines Licht hätte es doch verdient, von der ersten Sekunde im Bauch teilzuhaben und anerkannt zu werden.

Wahrgenommen als eigenständiger Mensch, der nichts mit Verletzung anderer zu tun hat.

Und doch... Irgendwie kam es raus. Die Hochzeit,  unser Baby. Ein Gewitter an Beschimpfungen und Hetzereien kam angerauscht und bis heute kann man noch einzelne Donnerwolken davon hören. 

Und so vergingen die Wochen Der Bauch wuchs.

Ich spürte den kleinen Mann oft heftig treten, doch eine richtige Verbindung konnte ich irgendwie nicht ganz spüren.

*

Und dann kam der Oktober. Der grauenvollste Monat, den ich je erlebt habe.

Eines Morgens hörte ich ein Poltern im Bad. Ich wunderte mich und rief nach meinem Mann. Keine Reaktion.

In mir stieg leichte Angst auf, Ich ging in Bad. Ich fand in zusammengesackt zwischen Toilette und Waschmaschine auf.

„Was ist mit dir. Hey!“ Ich rüttelte sanft an seiner Schulter und als keine Reaktion kam, wurde ich lauter. Nix.

Ich hörte ihn röcheln und in dem Moment gingen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Stirbt er? Hat er ein schwere Krankheit? Wenn er aufwacht vielleicht gar Behinderungen?

Ich hatte Todesängste und versuchte mit aller Kraft und dickem Bauch ihn in eine Liegeposition für die stabile Seitenlage zu bringen.

Vergebens.

Hilflos den Notruf wählend klingelte ich wie eine Wahnsinnige an allen Nachbarstüren im Haus.

Nix, keine Hilfe.

Der Notruf befragte mich, während ich zurück in die Wohnung rannte.

Plötzlich regte sich mein Mann und ging langsam Richtung Bett.

Er war wieder wach.

Was für ein Erlebnis.

Wir verbrachten noch Stunden im Krankenhaus, ohne Ergebnis.

Nächte lang bangte ich um ihn. Er war geschwächt. Ich hatte Angst, es würde wieder passieren.

Unser kleines Licht erlebte alles mit. Ich konnte ihm nicht einmal gut zureden oder die Angst nehmen, weil ich selbst kaum im Stande war zu atmen.

Und der Oktober ging weiter seinen Weg.

Meine Oma war zur gleichen Zeit wegen eines relativ banalen Sturzes im Krankenhaus.

Meine über alles von mir geliebte Oma. Im Leben konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie einmal von uns gehen würde.

Doch genau in diesen Tagen sollte sie es.

Die Ärzte entdeckten einen lebensbedrohlichen Darmverschluss und operierten. Das Aufwachen zog sich über Tage hin.

Wir besuchten sie, noch mit dem Schock in den Knochen. Sie war kaum wiederzuerkennen. Sie konnte nicht sprechen, nur Laute von sich geben und ihr Gesicht war verzerrt und verschoben.

Ich werde die Bilder nie vergessen!

Sie flehte um Hilfe, obwohl sie eigentlich nicht sprechen konnte, doch die Worte "Hilf mir" presste sie zu uns heraus. 

Ich erzählte ihr vom kleinen Licht und wie er sich freut, sie kennenzulernen, doch sie schüttelte schon dort verzweifelt den Kopf. Sie wusste wohl, dass sie ihn nicht mehr kennenlernen darf. Jedenfalls nicht hier, anfassbar auf dieser Erde.

Eine zweite OP brachte keinen Erfolg und wir mussten entscheiden, ob sie friedlich einschlafen soll oder wohl kaum wieder „normal“ werdend, langsam und mit Schmerzen sterben wird.

Ich sprach meiner Mutter gut zu und wünschte mir für meine Oma die friedliche Variante.

Es schmerzte. Doch ich konnte es fast gar nicht an mich ranlassen.

Noch tief saß der Vorfall mit meinem Mann. Und nun musste meine Oma auch noch von uns gehen.

Lior, unser Licht, bekam alles mit. Er muss all die Ängste und Verzweiflung, den Schock und die Trauer mit aller Wucht gespürt haben.

Und ich konnte all die Wochen kaum genießen.

Ich konnte seine Bewegungen spüren, aber das Gefühl einer Schwangeren, die es voll und ganz genießt und mit allen Facetten spürt, konnte ich irgendwie nicht sein.

Und da zähle ich noch nicht mal die 4 Monate Dauerübelkeit dazu, das permanente Feuer im Hals, so dass ich die gesamte Schwangerschaft kaum etwas essen konnte, die wahrscheinlich gebrochene Rippe durch das starke treten und der einfach extrem spannende Bauch, der sich anfühlte, als würde er jeden Moment zerreißen.

*

Und dann kam der Tag der Geburt. Es war Weihnachten.

Es war wunderschön, aber recht fix. Nicht mal 5 Stunden nach der ersten kleinen Vorwehe lag der kleine Mann in meinem Arm.

Er war schon dort bezaubernd schön, ich konnte es kaum glauben. Doch dieses Kribbeln im Bauch oder gar Tränen in den Augen hatte ich nicht.

Und das vermisste ich.

*

 Die ersten Tage waren recht ruhig.

Wir schliefen und wachten viel. Das Stillen klappte voerst gut.

Doch nach ein wenigen Wochen ging es los.

Schreien, stillen, Windeln wechseln… und das im Wechsel.

Immer wieder fragte ich meinen Mann, der bereits 3 Kinder großgezogen hatte, ob das normal sei und er bejahte, denn ein Baby hat nun mal in den ersten Wochen stetig Durst.

Einen Stillrhythmus gab es nicht, denn eigentlich trank er permanent und doch irgendwie nicht, weil er immer wieder einschlief.

Ablegen ging natürlich nicht. Niemals! Augen auf und Schreien. Was das bedeutet, kann man sich wohl nur vorstellen, wenn man es selbst erlebt hat. Wenn man mal aufs WC musste, mit wie immer schlafenden Kind im Arm oder gar an der Brust, blieb nur ablegen (oder Papa überreichen) und dann zum Klo fliegen und so schnell pullern, wie es geht, da einfach nichts gegen dieses schrille Schreien half. Und das über Monate.

Für uns sah es so aus, als hätte er immer sofort Hunger nach dem Aufwachen und konnte keine Sekunde warten. Im Nachhinein stellte sich wohl heraus, dass er vor Schmerzen und Überreizung schrie und sich so mit Stillen versuchte zu beruhigen.


Wochen vergingen.

Anziehen und ausziehen, wickeln und in die Trage packen... alles eine Katastrophe.

Schreien. Immer schreien.

Mein Mann versuchte einiges. Wippen, singen, Stellungswechsel… Nichts half, also ging nur die Brust. Ich traute mich schon kaum, irgendwas zu tun, denn einfach gar nichts machte es besser.

Wir stempelten es noch als normal ab und dachten an Koliken.

Okayyy, also heißt es drei Monate durchhalten.

Zwischen Stillen, auf dem Arm schlafend halten und Wickeln hieß es dann „Fahrrad fahren“, Beine wippen, Fliegergriff und Bauchmassage.

Nix. Keine Besserung.

Dazu kam noch das Spucken. Immer und überall. Seen von Muttermilch. In der ganzen Wohnung lagen Mullwindeln verteilt. Wir mussten unseren Zwerg permanent umziehen. Irgendwann behalfen wir uns, in dem wir Mullwindeln um ihn herum drapierten und bereits im Säuglingsalter Lätzchen ummachten. Nachts bei jeden Stillen musste ich mich 10 Mal aufrichten, ihn hochnehmen und über meine Schulter „kotzen“ lassen.

Er schien sich damit zu arg zu quälen. Er stöhnte und zappelte, drückte und weinte.

Immer wieder sprachen wir es bei Ärzten an, denn es gab sowas wie einen ausgeprägten Reflux bei Babys-

mit wenig Erfolg.

Er wuchs schnell und hatte ordentlich Gewicht, weshalb es deswegen jedenfalls keine Bedenken gab. Einzig ein homöopathisches Mittelchen brachte ein wenig Linderung. Das Spucken blieb genauso intensiv, doch die Quälerei nahm ab.

Doch das Schreien und sein scheinbar ewiger Kampf mit sich selbst blieben erhalten.

Wir gingen insgesamt zu drei Osteopathen, wobei erst letzterer eine starke Blockade im Halswirbelbereich fand und löste.

Nach furchtbaren drei Tagen ging es Lior besser..

Eine ganze Woche lang…

Und dann ging es weiter.

Nichts schien normal, wir trauten uns kaum raus.

Vor allem ich, im Winter, als voll stillende Mama, mit einem Baby, was mindestens einmal pro Stunde trank.

Ich verhalf mir, in dem ich ihn unterwegs in der  Trage stillte.

Ich fror draußen bei Minusgraden wegen des nackten Oberkörpers, aber das Schreien des Knirpses konnte ich auch nicht ertragen.

Mein Mann war zum Glück permanent da und brachte mir ein großes Stück Sicherheit.

Wir wurden zur Ergotherapie geschickt, mit dem Ergebnis, dass Lior wahrscheinlich durch die Blockade im Halswirbelbereich, eine Körperkontaktstörung aufbaute.

Er drückte sich permanent durch und stieß uns schreiend von unserem Körper ab. Bauch an Bauch konnte er den Kontakt zu uns nicht ertragen. Und beruhigen ging überhaupt nicht, egal wie liebevoll wir auf ihn eingingen.

Der Therapeut schickte uns zu einer erfahrenen Physiotherapeutin, die ebenso Ostheopathin ist. Leider erst Monate später mit einem Termin.
 

Die Wochen vergingen und wir waren hilflos.

Das Schlafen- eine Katastrophe.

Die ersten Monate schlief er nur im Arm beim Stillen, dann wochenlang nur im Tragetuch, wenn wir draußen spazierten.

Er brauchte teilweise eine Stunde zum Einschlafen und schlief 3-4 Mal am Tag. Das hieß dann schon mal bis zu 8 tunden rausgehen und das teilweise mit einem schreienden, sich wegdrückendem Baby im Arm.

Es schmerzte so sehr.

Nachts musste ich oft 4-8 Mal die Brust zücken.

Zwischendurch ging auch das Stillen mal nur im Liegen. Ausflüge- no way.

Wir waren ausgelaugt.

Monatelang kaum einen Tag gemeinsam als Familie so richtig genossen, wandten wir uns ans SPZ.

Diagnose hier: Regulationsstörung.

 

Ich wälzte Bücher und das Internet und wurde Experte zu beiden Themen.

Eine erneute Ergotherapeutin besuchte uns von nun an Zuhause.

Wir  waren völlig ratlos und hilflos trotz Hilfe, denn jeder erzählte uns etwas anderes.

„Bloß nicht schuckeln, das macht die Schreistunden am Abend schlimmer“

„Auf jeden Fall schuckeln, das hilft dem Baby sich wohlzufühlen und runterzukommen“

Jeder hatte seine Theorie und jeder meinte er wusste was zu tun ist.

 

Nur wir nicht!

Wir hatten verlernt unserem Bauchgefühl zu folgen. Diese ständige Suche nach DEM PROBLEM und nach Lösungen machte uns einfach nur noch kirre.

 

Doch immer mehr entschieden wir uns, nun endlich wieder zu uns zurückzukehren und das zu tun, was unser Gefühl uns sagte…

*

Es änderte sich alles.

Unser Licht, nun knapp ein halbes Jahr alt.

Es war wohl eine Mischung aus vielem:

 

Ich fing an mit Lior über Erlebtes zu sprechen.

Die Physiotherapeuten löste weitere Blockaden im Brustwirbelbereich und arbeitet weiterhin osteopatisch mit ihm.

Der kleine Wurm fing zu sitzen und wenige Wochen später auch zu krabbeln an.

Auch ging das Brabbeln los, welches er vorher nur im völlig überdrehten Zustand in Form von motzen zeigte.

Plötzlich saß er auch nicht mehr völlig planlos vor seinem Teller, sondern begann nach und nach immer mal wieder etwas zu Essen auszuprobieren.

 

Wir brachen die Ergotherapie ab. Denn zu oft ging sie entgegen dem, was unser Bauch und unser gesunder Menschenverstand sagte.


*

Lior- 1 Jahr:


Es geht immer mehr bergauf!

Endlich!

Wir gehen wieder raus- treffen Freunde und Familie.

Lior lacht und wir freuen uns mit ihm!

Zwischen ihm und uns ist eine wahnsinnige Liebe entstanden.

Wir genießen jeden Tag und es geht weiter bergauf!

 

Er spielt, entdeckt die Welt, isst immer mehr und öfter, ist weniger überreizt und verzaubert alle um ihn herum- kleiner Chameur.

 

Das Schlafenlegen und Beruhigen mit Körperkontakt ist immer noch oft schwierig, vor allem für mich. Aber das ist alles ein Klacks gegen die Monate davor!

Unser temperamentvolles Kind hats aber auch in sich. Gerade wenn ein neuer Zahn im Anmarsch ist, gibt es einen Wutausbruch nach dem anderen. Gerade das An- und Ausziehen oder Beruhigen birgt oft so seine Tücken.

Noch so liebevoll und langsam mit ihm umgehend, begibt er sich selbst in Sturzgefahr, weil er sich windet, um sich tritt und stampft.

 

Und auch ich habe noch einen Weg vor mir. Das ganze erste Jahr hängt noch so an mir, dass ich in Daueralarmbereitschaft bin, obwohl ich es gar nicht mehr sein muss. Alles ist gut. Ich kann aufatmen.

Aber mein Gehirn schnallt das noch nicht so ganz.

Um mal etwas für MEINE Seele zu tun, was die anderen Einrichtungen immer vernachlässigt haben, gehe ich nun in die Schreiambulanz zu einer körperbezogenen Therapie. Ich lerne wieder, mich zu entspannen und loszulassen.

 

 

Ein Weg Richtung Bergspitze….

Der steinigste Weg ist wohl geschafft!

 

 

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