Unser hochsensibles Baby- Körperkontaktstörung?

May 9, 2018

 

Ergotherapie die Erste.

 

 

 

Da gingen wir nun zum Ergotherapeuten mit unserem höchstseniblen Baby. Wie wird er uns noch helfen können? Wir haben doch schon alles Erdenkliche ausprobiert. Selbst das Tragetuch ist momentan eine Qual, wo er sich doch dadurch sonst immer hat beruhigen lassen... irgendwann zumindest.

Nun saßen wir dort in dem kleinen Raum. Tatsächlich mit schlafendem Baby auf dem Bauch. Zuvor hatte er in der Straßenbahn gefuttert (stillen) und machte nach dem Aussteigen deutliche Müdigkeitsanzeichen. „Es ist egal, ob er bei der Ergo schläft, Hauptsache er kommt zur Ruhe- also ab ins Tuch“. Es dauerte einige Beruhigungsversuche und Schaukelungen, bis der kleine Mann es schaffte, zur Ruhe zu kommen. Mittlerweile traut man sich schon fast gar nicht aus dem Haus, da es oft in einem Gebrüll und verzweifelten Beruhigungsversuchen endet.

Also saßen wir da dem Therapeuten gegenüber und schilderten unsere Probleme. Vor allem das Einschlafen ist es, welches ihm extrem schwer fällt, da er alle Reize in sich aufzusaugen scheint. Er will permanent durch die Gegend schauen, auch wenn er sich die Augen rot reibt und andauernd gähnt. Von jedem noch so kleinen Geräusch erschrickt er und wird nervös. Die Arme und Beine zappeln in alle Richtungen und manchmal stampft er mit seinen Füßen sogar fest auf die Unterlage.

Alle Beruhigungsversuche vergebens. Umarmen, Streicheln, an“sccccchhh“n , sanftes Reden oder Sonstewas. Manchmal schaffen wir es tagsüber ihn im Wipper (an der Decke hängend) schlafzuschaukeln, ansonsten hilft am Ende seines Erregungszustandes nur die Brust, die er völlig erledigt schniefend aussaugt.

Der Therapeut fängt an, Fragen zu stellen und Vorschläge zu machen „Haben Sie schon einmal versucht, den Kopf auf dem Wickeltisch festzuhalten, ihn direkt anzuschauen und so zu beruhigen?“

„Das ist ja das Problem. Er lässt sich oft nicht anfassen. Vor allem, wenn er sich èingeschrien´ hat. Massagen gehen auch gar nicht und wenn doch, dann nur ganz kurz.“

Der Therapeut gibt uns Lösungsvorschläge an die Hand, die wir Zuhause versuchen sollen umzusetzen.

Wenn er sich so in seinen „Anfall“ vertieft hat und dort nicht mehr rauszukommen scheint, sollen wir versuchen, ihm mit tiefer, klarer und bestimmter Stimme  sowas wie STOP oder NEIN zu sagen. Wenn er quasi vor Schreck innehält, sollen wir innerhalb von einer Sekunde umschwenken, ihn mit hoher Stimme loben und übertrieben positive Mimik machen.

Ich äußere meine Bedenken. „Ich traue mich glaube ich nicht, mein Kind so streng anzufahren.“  Ich denke dabei daran, dass ich schimpfen als Kind ganz furchtbar fand.

„Aber nur so kommen wir aus dem Kreis heraus. Wir müssen den Kleinen quasi umkonditionieren. Wenn sie ihn in seinen Anfällen schuckeln und liebkosen, verbindet er dies miteinander. Wir müssen dieses Muster durchbrechen, so dass er merkt, dass es viel schöner ist, wenn er ruhig ist und dann Zuneigung bekommt.“ Ich verstehe, habe aber trotzdem ein komisches Gefühl dabei. Wobei mein Mann in der Not schon einmal versucht hat, den Kleinen, wenn er in Rage war, klar und bestimmend NEIN zu sagen. Manchmal hatte dies sogar funktioniert.

Der Ergotherapeut fragte uns nun, ob es auch Momente oder Orte gibt, an denen er sich wohlfühlt und Spaß z.B. beim Wickeln hat. Wir erzählen von seinem Wickeltisch, auf dem er meist neugierig beobachtet und bis über beide Ohren strahlt (natürlich gibt es auch hier gerne mal den ein oder anderen Aussetzer). Hier könne man ansetzen.

Wir sollen unser Baby vermehrt liebkosen, wie zum Beispiel vorsingen oder knuddeln, wenn er gute Phasen hat, damit er merkt, wie schön und entspannend dies sein kann. Auch sollen wir ihn, wenn er sich von uns z.B. wegdrückt, sanft wieder randrücken und mit ihm sprechen „Spür doch mal, wie schön das ist“. Sollte er absolut nicht mitmachen wollen, sollten wir dies natürlich nicht ausreizen.

Er wiederholte seine Tipps immer und immer wieder, damit wir diese verinnerlichen.

 

Dem Ende entgegen, holte er zwei Bücher aus einem anderen Raum und empfahl sie uns zum Lesen. Eines davon hieß „Fähig zum Körperkontakt“, in dem es um Körperkontaktstörungen ging.

Ich fragte, ob ich mir dieses vielleicht bis zur nächsten Stunde ausleihen dürfte. Er bejahte und erzählte, dass manche Menschen Probleme damit haben, Berührungen zuzulassen. Dies kann aus ganz verschiedenen Gründen geschehen. Zum Beispiel, weil eine monatelange Blockade im Rücken dem Kind Schmerzen bereitete, während man es im Arm hielt. So verbindet das Baby also Körperkontakt mit Schmerz- dieses Gefühl muss nun erstmal durchbrochen werden.

 

Puh…

Zurück Zuhause musste ich erst einmal verdauen. Ich ließ einige Situationen Revue passieren. Er ließ sich nie massieren, momentan drückt er sich weg, sobald er auf dem Arm sitzt. Tragen geht nur mit dem Rücken zu uns oder über die Schulter. Streicheln mag er nicht und schon gar nicht am Kopf. Scheiße. Das macht mich wahnsinnig traurig! In mir kommt die Angst hoch, er habe jedes Mal ein Trauma, nachdem man ihn ins Tuch schnallt oder im Arm hält. Einzig das Stillen geht, aber auch da dockt er häufig ab und ist unruhig. Ich muss weinen, als wir den kleinen zum Nachmittag einschläfern konnten. Erst recht, als ich unser Baby beim Durchstöbern des Buches über Körperkontaktstörungen wiederfand.

Er wachte etwas später wieder auf. „Wollen wir noch einen Abendspaziergang machen, damit der Kleine zur Ruhe kommt?“ – der Vorschlag meines Mannes.

„Wir können es versuchen“ antwortete ich.

Er nahm sich unser Baby und band ihn sich auf den Bauch. Doch der kleine Mann fing an zu schreien. Wir gingen raus Richtung See. Er wurde nicht ruhiger. „Nein du brauchst nicht meckern“, sagte mein Mann in tiefer, klarer Stimme etwas lauter als normal. Kurzes Innehalten des Zwerges und nun, in Sekundenschnelle schwangen wir Erwachsenen auf ein übertriebenes Lächeln um und lobten ihn.

Er fing wieder an zu weinen. Seine Augen sahen verzweifelt aus, als ob er sich fragte, was denn jetzt mit seinen Eltern nicht in Ordnung sei. Wir wiederholten dies ein paar Mal doch nichts half. Irgendwann reagierte er nicht einmal mehr auf die energischere Stimme.

Wir holten den Kleinen aus dem Tuch. Natürlich ließ er sich nicht ganz normal im Arm haltend tragen. Einzig über der Schulter gelehnt, im halben Fliegergriff oder Rücken an Bauch nach vorne schauend wurde er ruhiger. So ein Mist.

Wir waren bereits auf dem Rückweg, da er sich sonst richtig KO weinen würde. Boa, das tat weh. Er weinte und meckerte und schniefte. Kaum eine Stellung hielt er länger als 2 Minuten halbwegs friedlich aus.

Zuhause angekommen legte mein Mann ihn auf dem Wickeltisch ab, während ich mir noch die Schuhe im Flur auszog. „Du ey… willst du uns veräppeln? Guck mal, wie er grinst“ hörte ich aus dem Bad. Und tatsächlich- voller Freude strahlte uns der eben noch kleine Wutwichtel an. Verrückt.

Lag es an dem größeren Körperabstand? Oder hatte er einfach keinen Bock auf spazieren gehen- aber warum weint er dann sooo krass?

Die Tage vergingen und wir kämpften immer wieder mit Weinattacken und –zum Einschlafen verhelfen-. Die Methode mit dem klaren deutlichen NEIN und dem anschließenden Loben probierten wir mehrfach aus, stellten jedoch fest, dass dies für uns so nicht funktionierte. Wir wollten unseren Knirps nicht permanent anfahren.

Im Buch las ich, dass man Babys mit Kontaktstörungen, die dann auch noch zusätzlich eine Regulationsstörung hatten, grundsätzlich so behandeln sollte:

  1. Auf Reize achten und minimieren, in Schrei-Situationen wenig reden

  2. Mit klarem, langsamen Griff (mit etwas Druck) anfassen. nicht unsicher sein

  3. Mit tiefer, klarer und ruhiger Stimme sprechen

  4. Jeden Schritt bei Körperkontakt kommentieren und Pausen machen, möglicht ein „Achtung“ vorn heran setzen- z.B. „Achtung (Pause) Ich hebe jetzt deinen Po hoch (Pause)“, Po hochheben

  5. Auch bei Abwehr Körperhaltung möglichst nicht verändern (z.B. Baby im Tragetuch fest umklammern)

  6. Babys die außerdem eine schlechte Verarbeitung des Gleichgewichtssinns haben, nicht schuckeln und schaukeln

  7. Babys, die sensibel auf Körperberührungen reagieren, im Gesicht vorerst nicht küssen oder streicheln

Soweit hatten wir uns quasi auch schon umgestellt. Von nun an versuchten wir es aber noch deutlicher.

Außerdem versuchten wir ihm immer, wenn er müde wurde, Schlaf anzubieten- im Wipper, im Tragetuch oder beim Stillen im Bett. Dies bedeutete für uns in den aufreibenden letzten Wochen teilweile bis 15 Uhr permanent Schlaf anbieten. Aber siehe da, es ging bergauf! Immer öfter schenkte der Kleine uns ein Lächeln oder ließ sich nun auch wieder im Tragetuch herumtragen. Auch das Beruhigen ging schneller und sanfter.

Keine Ahnung, was genau nun half, aber es schien wohl eine Kombi aus alledem zu sein.

 

Fortsetzung folgt hier

 

**************************************************************************

 

Hier findest du alle Artikel unserer Erfahrungsbericht-Reihe

-Unser hochsensibles Baby-

 

Diesen Artikel kannst du auch hier anhören.

 

 

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload