Alles anders- Rückblick aus dem ersten Jahr mit „Schreibaby“


Also ganz voran mag ich schon einmal sagen, dass ich diesen Begriff „Schreibaby“ ganz furchtbar finde und manchmal so gar nicht passend.

Jedes Kind ist anders, jedes „Problem“ ganz individuell. Nur weil ein Kind nicht 5 Stunden am Tag schreit heißt es nicht, dass es einfacher ist. Ein Baby außerdem anhand des Schreiens zu definieren, ist einfach auch schon irgendwie käse. Leider ist und war das oft die einzige Möglichkeit, anderen schnell verständlich zu machen, wie besonders unser Start mit Kind war…

Unser kleiner Wurm war die ersten 2 Wochen ganz entspannt. Zur Hebamme sagten wir nur immer: Alles gut und waren so schnell auch recht unabhängig von ihr.

Ja und dann kam die Wendung.

Er spuckte unfassbare Mengen an Muttermilch aus. Ja, das machen einige Babys, aber unser Zwerg litt richtig darunter. Er krächzte und hickste, stöhne und noch Stunden nach dem Stillen (wenn denn mal Stunden dazwischen lagen) spuckte er ganze Seen aus. Wir hatten ein Haufen Mullwindeln um ihn und auf uns geparkt, um ihn nicht 20 Mal am Tag umziehen zu müssen.

Zwerg Nase reagierte extrem empfindlich auf jegliche Sinneswahrnehmung. Besuch von Verwandten wurde meist zu einem „hoffentlich gehen sie ganz schnell wieder“ und einem Marathon an der Brust.

Lior beruhigte sich ausschließlich an der Brust. Dies war ca. 8-9 Monate sein einziges Mittel, sich zu regulieren und Aufatmen zu können. Dabei schlief er quasi immer ein und ruhte so auf dem Arm, bis er wieder aufwachte und sofort nach seinem Beruhigungsmittel verlangte: Der Brust.

Schuckeln, singen, schaukeln oder Bauchmassagen halfen da nicht. Er schrie und weinte herzzerreißend, so dass am Ende nur der Zapfhahn blieb.

Er wollte sitzen, stehen laufen. Am Liebsten wohl direkt, nach dem er aus mir rausgeschlüpft war. Das machte ihn wütend und dauerstöhnend. Es verging monatelang keine Sekunde ohne eine dauerhafte Unzufriedenheit oder gar Schmerzen durch den Reflux. Fast alle Babys haben einen Reflux, doch manche Babys leider sehr darunter und haben gar Sodbrennen. Wie eklig das ist, wissen ja einige zu gut aus ihrer Schwangerschaft!

Naja wir wussten uns also nicht zu helfen. Wir suchten Rat, überall und nirgendwo. Niemand konnte wirklich helfen. Alle stellten Diagnosen und wollten therapieren.

Doch am Ende brachte all das nicht wirklich viel. Ich habe hier in unserem Blog auch oft darüber geschrieben. Zum Beispiel über Regulationsstörung. Es ist ja ganz gut, wenn man darum weiß, was dem Kind so zu schaffen machen könnte. Aber UNS hat es doch nur verrückt gemacht.

Auch so tolle Ratschläge wie „Leg ihn doch einfach ab und lass ihn mal schreien-irgendwann hört er schon auf“. Never! Unser Dreikäsehoch hätte im Traum nicht daran gedacht, mit schreien aufzuhören. Eher hätte er bis zum Erbrechen geschrien und sich die Seele aus dem Leib gebrüllt. Selbst MIT UNSERER BEGLEITUNG kam er nicht zur Ruhe. Da half auch das Lesen der besten Ratgeber nichts!! Zumal einige davon echt für die Tonne sind. Manche wiederum sind sehr gut und hilfreich (z.B. Bücher von Thomas Harms wie „Zur Welt gekommen“) in denen es auch um die Eltern geht und nicht nur ums Kind. Denn die werden meist so ganz vergessen bei dem Dilemma.

UND DOCH… im Nachhinein wissen wir, dass einfach die Zeit und unser liebevolles Handling mit dem Wurm halfen, sich immer sicherer zu fühlen. ER ist wie ER ist. Eben Lior. Ganz auf seine eigene Art und Weise.

Und wo er fast ein Jahr ausschließlich Muttermilch zu sich nahm und Konsistenzen im Mund komisch fand, isst er jetzt mit 14 Monaten manchmal wie ein Erwachsener. Aber auch nur, wenn man genau zu dem richtigen Zeitpunkt genau DAS richtige Essen auf dem Tisch stehen hat.

Und so versuchten wir uns auf ihn einzustellen, nachdem wir uns endlich dazu entschlossen, all die Therapien sein zu lassen. Natürlich brauchte er die Osteopathie, um seine Blockaden loszuwerden. Natürlich war auch der Hinweis gut, dass er empfindlich auf alle Sinne und vor allem auf das Taktile (Berührungen) reagierte und deshalb (und wegen der Blockaden) ein Problem mit Körperkontakt aufbaute.

Aber…

ER entschied unseren Weg. ER entschied sich, wie wir mit ihm umgehen müssen, damit er sich wohler fühlte. Wir konnten ihm immer wieder zeigen, dass wir für ihn da sind und versuchen seine Bedürfnisse zu erkennen und zu respektieren. Aber wir konnten ihm keine Therapie nach Schema F andrehen, denn da machte er einfach nicht mit… und wir auch nicht.

Erst nach 7 Monaten fanden wir unser Bauchgefühl langsam zurück und seitdem ist alles so viel entspannter geworden. Nun.. auch die Zeit tat ihr Gutes. Jetzt wo er läuft kann er einfach schnell hinterher rennen und sich ans Bein klammern, wenn er ganz dringend bei uns sein will (während wir auf dem Klo sitzen :-p )

Auch feste Rituale und Abläufe sind nun sehr wichtig geworden. Wir wollten sie schon viel früher einbauen- es war aber einfach nicht möglich. Da war einfach immer nur Müdigkeit und Überforderung. Man konnte nichts mehr tun. Er brauchte einfach sehr oft sehr viel Schlaf!

Und so gingen wir manchen heißen Tages 6-8 Stunden ins Freie mit ihm im Tuch spazieren. Zwischendurch musste dann auch mal ein Kinderwagen daher, weil er Körperkontakt so gar nicht aushielt- was übrigens das aller, aller Schlimmste an dem Ganzen war und in manchen Situationen auch heute noch ist! Noch immer kann er es kaum auf dem Arm aushalten, wenn er sich zum Beispiel weh getan hat oder anderweitig überfordert bzw. überdreht ist.

Mir persönlich hilft es da immer, ihn einfach versuchen festzuhalten und tief ein und auszuatmen, denn er weiß sonst nicht wohin mit sich. Ist er zum Beispiel blöd gefallen will er auf dem Arm, ist er drauf, stößt er sich ab. Also- einfach da sein und zeigen, dass es gut tun kann das Mama oder Papa trösten.

Also nun…

Es wird wohl immer irgendwie anders sein mit ihm.

Vielleicht wird er mit drei Jahren immer noch keine 8 Stunden am Stück schlafen, ohne Hilfe beim wieder einschlafen zu benötigen. Vielleicht wird mit 4 aber auch Gitarre spielen können, weil er ein ausgezeichnetes Gehör hat.

Man weiß es nicht… wird es aber wohl ganz sicher in Zukunft erfahren.

Unser kleiner temperamentvoller, gefühlsstarker Bursche wird uns aber immer den Weg aufzeigen, der für ihn genau richtig ist!

Denn

Lior ist eben einfach Lior!

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